Skandalöse Grüne Migrationsrealität. Migranten machen das Land „großartig“ und die Wähler wenden sich ab

Susan Sziborra Seidlitz lobt Migration als Bereicherung für Sachsen Anhalt. Doch Arbeitsmarkt, Kriminalstatistik und Wahlumfragen zeigen eine wesentlich komplexere Wirklichkeit.

Wenn Migration plötzlich nur noch als Erfolgsgeschichte erzählt wird

Zwei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen Anhalt liefert Grünen Spitzenkandidatin Susan Sziborra Seidlitz einen bemerkenswerten Einblick in das politische Weltbild ihrer Partei. Im ZDF Morgenmagazin erklärte sie am 4. September 2026, die Grünen würden Migration nicht beklagen.

Sachsen Anhalt brauche jede Arbeitskraft, die es bekommen könne. Menschen mit Migrationshintergrund seien Nachbarn, Freunde und Steuerzahler und würden das Land, so ihre Aussage, „so großartig, wie es ist“ machen. Natürlich gibt es dafür Beispiele. Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, arbeiten in Kliniken, Unternehmen, Pflegeeinrichtungen, Handwerksbetrieben und vielen anderen Branchen. Sie gründen Unternehmen, zahlen Steuern und sind längst Teil der Gesellschaft.

Doch genau deshalb wirkt die Grüne Migrationsrealität so irritierend. Denn zwischen der Anerkennung erfolgreicher Integration und der pauschalen Darstellung von Migration als gesellschaftlicher Erfolgsgeschichte liegt ein gewaltiger Unterschied. Wer politische Verantwortung übernehmen will, muss beides sehen können. Die Chancen. Und die Probleme.

Lesen die Grünen eigentlich noch die Stimmung im eigenen Land

Nur zwei Tage nach dem Auftritt von Susan Sziborra Seidlitz wird in Sachsen Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Und die Zahlen könnten für die Grünen kaum alarmierender sein.

Das aktuelle Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen vom 4. September sieht die AfD bei 41 Prozent. Die CDU erreicht 23 Prozent, die Linke 11,5 Prozent, die SPD 8,5 Prozent und die Grünen gerade einmal 6 Prozent. Die Partei befindet sich damit nur knapp oberhalb der Fünf Prozent Grenze.

Vor fünf Jahren erreichten die Grünen 5,9 Prozent. Von einem gesellschaftlichen Aufbruch in Richtung grüner Politik kann also kaum gesprochen werden. Genau hier beginnt die Grüne Migrationsrealität zum politischen Problem zu werden.

Natürlich kann aus einem Wahlergebnis nicht abgeleitet werden, dass jeder AfD Wähler ausschließlich wegen Migration AfD wählt. Wirtschaft, Energiepolitik, Unzufriedenheit mit Berlin, soziale Fragen, Ukrainepolitik und allgemeines Misstrauen gegenüber etablierten Parteien spielen ebenfalls eine Rolle.

Wer allerdings glaubt, Migration spiele in diesem politischen Klima keine erhebliche Rolle, ignoriert eine der zentralen gesellschaftlichen Debatten der vergangenen Jahre. Selbst das ZDF nennt im Zusammenhang mit der Wahl Bildung, Zuwanderung und Mobilität ausdrücklich als wichtige Themen des Landes. Wie passt dazu eine politische Botschaft, die nahezu ausschließlich die positive Seite hervorhebt?

Migration ist nicht gleich Migration

Genau an diesem Punkt wird die Grüne Migrationsrealität sprachlich problematisch. Denn der Begriff Migration wird häufig so verwendet, als beschreibe er eine einzige homogene Gruppe. Das tut er nicht. Ein aus Indien angeworbener Ingenieur ist Migration. Eine polnische Pflegekraft ist Migration. Ein syrischer Arzt ist Migration. Ein ukrainischer Arbeitnehmer ist Migration. Ein internationaler Student ist Migration. Ein anerkannter Flüchtling ist Migration.

Aber auch ein abgelehnter Asylbewerber ohne Aufenthaltsrecht gehört zur migrationspolitischen Debatte. Wer all diese völlig unterschiedlichen Lebenssituationen unter einer einzigen positiven Erzählung zusammenfasst, verhindert gerade jene Differenzierung, die eine vernünftige Migrationspolitik dringend benötigt.

Deutschland braucht deshalb nicht einfach möglichst viel Migration. Deutschland braucht vor allem funktionierende und kontrollierte Migration.

Ausländische Arbeitnehmer werden tatsächlich immer wichtiger

Eine seriöse Kritik an der Grüne Migrationsrealität darf allerdings die andere Seite nicht unterschlagen. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen eindeutig, dass ausländische Beschäftigte für Sachsen Anhalt wirtschaftlich erheblich an Bedeutung gewonnen haben.

Innerhalb von zehn Jahren stieg ihre Zahl von rund 20.260 auf etwa 75.300 Beschäftigte im Jahr 2025. Besonders stark wuchs die Beschäftigung von Menschen aus Staaten außerhalb der Europäischen Union. Mitte 2025 arbeiteten außerdem mehr als 6.300 ausländische Beschäftigte im Gesundheitsbereich Sachsen Anhalts. Auch der demografische Wandel ist real.

Mehr deutsche Arbeitnehmer scheiden aus dem Arbeitsleben aus, als junge Beschäftigte nachrücken. Die Bundesagentur für Arbeit spricht deshalb ausdrücklich davon, dass internationale Arbeitskräfte für Sachsen Anhalt zunehmend unverzichtbar werden. Fast jeder vierte Betrieb im Land beschäftigt inzwischen mindestens einen ausländischen Arbeitnehmer.

Das ist keine grüne Erzählung. Das sind Arbeitsmarktdaten. Aber gerade diese Zahlen zeigen, warum die politische Diskussion präziser geführt werden müsste. Wenn Sachsen Anhalt qualifizierte Pflegekräfte, Ärzte, Handwerker, Techniker oder Ingenieure benötigt, spricht das für gezielte Erwerbsmigration.

Es beantwortet jedoch nicht automatisch alle Fragen der Asylpolitik, illegalen Einreise oder Integration.

Zur Realität gehört auch die Kriminalstatistik

Auch dieser Teil darf in einer offenen Diskussion über die Grüne Migrationsrealität nicht ausgeblendet werden. Die Polizeiliche Kriminalstatistik Sachsen Anhalts weist für 2025 insgesamt 63.873 ermittelte Tatverdächtige aus. Darunter waren 16.764 nichtdeutsche Tatverdächtige. Ohne ausländerrechtliche Verstöße lag ihr Anteil bei 22,7 Prozent.

10.774 Tatverdächtige wurden von der Polizei der Kategorie Zuwanderer zugeordnet. Ohne ausländerrechtliche Verstöße betrug deren Anteil 12,9 Prozent. Zugleich gingen sowohl die absolute Zahl als auch die Anteile gegenüber dem Vorjahr zurück.

Auch diese Zahlen verlangen Differenzierung. Sie beweisen weder, dass Migranten generell kriminell seien, noch dürfen sie einfach verschwiegen werden. Genau das ist der Unterschied zwischen politischer Kommunikation und ernsthafter Analyse. Wer nur Probleme aufzählt, zeichnet ein verzerrtes Bild. Wer ausschließlich Bereicherung sieht, ebenfalls.

Die Bürger erleben Migration nicht als Werbebroschüre

Das eigentliche Problem der Grüne Migrationsrealität besteht deshalb weniger in dem Satz, dass Migranten Deutschland bereichern können. Selbstverständlich können sie das. Das Problem steckt im Absoluten.

Wenn eine Spitzenkandidatin unmittelbar vor einer Wahl erklärt, Migranten machten das Land „so großartig, wie es ist“, klingt das wie eine politische Gesamtbilanz. Doch Migration ist keine Imagekampagne. Sie betrifft Schulen, Wohnungen, Kommunalfinanzen, Arbeitsmärkte, Sozialleistungen, Behörden, Polizei, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Menschen erleben diese Wirklichkeit unterschiedlich. Der Unternehmer, der dringend einen qualifizierten Mitarbeiter aus dem Ausland sucht, erlebt Migration möglicherweise als Rettung seines Betriebs. Die Klinik, die eine ausländische Pflegekraft einstellt, erlebt Migration als unverzichtbar.

Eine Kommune mit überlasteter Verwaltung kann Migration dagegen völlig anders wahrnehmen. Ebenso Eltern, Lehrer, Polizisten oder Bewohner eines Viertels, in dem Integration nicht funktioniert. Eine demokratische Partei muss alle diese Erfahrungen ernst nehmen.

41 Prozent AfD und sechs Prozent Grüne sollten Fragen auslösen

Damit kommen wir zum vielleicht bemerkenswertesten Punkt der Grüne Migrationsrealität. Nach dem aktuellen Politbarometer erreicht die AfD 41 Prozent und die Grünen sechs Prozent. Die Forschungsgruppe Wahlen weist ausdrücklich darauf hin, dass Umfragen Momentaufnahmen und keine Wahlprognosen sind. Dennoch ist der Abstand gewaltig.

Für die Grünen müsste eine solche Zahl Anlass zur Selbstprüfung sein. Warum erreicht die eigene politische Botschaft so wenige Menschen? Warum wächst gleichzeitig eine Partei, deren Migrationspolitik praktisch das Gegenteil der grünen Position vertritt? Warum gelingt es offenbar nicht, Menschen davon zu überzeugen, dass die grüne Bewertung ihrer Lebenswirklichkeit zutrifft?

Darauf einfach mit noch mehr moralischer Gewissheit zu reagieren, könnte genau jener Fehler sein, der die Partei immer weiter von Teilen der Bevölkerung entfernt.

Grüne Migrationsrealität braucht endlich einen Realitätscheck

Susan Sziborra Seidlitz darf Migranten würdigen. Sie darf erfolgreiche Integration hervorheben. Sie darf darauf hinweisen, dass Sachsen Anhalt dringend Arbeitskräfte benötigt. All das ist legitim und teilweise durch harte Arbeitsmarktdaten belegbar.

Aber wer daraus die Botschaft formt, Migranten machten das Land „so großartig, wie es ist“, muss damit rechnen, dass Bürger nach der anderen Hälfte der Wahrheit fragen. Was ist mit gescheiterter Integration? Was ist mit illegaler Migration? Was ist mit ausreisepflichtigen Personen? Was ist mit Kriminalität? Was ist mit Belastungen für Kommunen?

Und vor allem, wie unterscheidet die Politik künftig zwischen benötigter Fachkräfteeinwanderung, humanitärem Schutz und ungesteuerter Migration? Genau darauf braucht Deutschland Antworten. Die Grüne Migrationsrealität wirkt dagegen erneut wie der Versuch, eine hochkomplexe gesellschaftliche Entwicklung in eine moralisch angenehme Erzählung zu verwandeln.

Dabei wäre eine andere Botschaft viel glaubwürdiger. Migration kann Deutschland bereichern. Migration kann Deutschland wirtschaftlich helfen. Deutschland braucht qualifizierte Zuwanderung. Aber Migration verursacht auch Probleme, wenn Steuerung, Integration und konsequente Durchsetzung des Aufenthaltsrechts nicht funktionieren.

Beides gleichzeitig auszusprechen wäre keine Fremdenfeindlichkeit. Es wäre Politik. Und vielleicht sollten sich die Grünen gerade angesichts von 41 Prozent AfD und sechs Prozent Zustimmung für die eigene Partei fragen, ob nicht weniger Selbstgewissheit und etwas mehr Zuhören angebracht wären.

Denn Wähler können politischen Realitätsverlust auf eine besonders einfache Weise beantworten. Mit dem Stimmzettel.

„Wer Migration nur als Bereicherung oder nur als Bedrohung beschreibt, beschreibt nicht die Wirklichkeit. Politik beginnt dort, wo man den Mut besitzt, beides zu sehen.“

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