Erschreckendes Türmer Problem. Wenn Arroganz Anstand und politische Moral verdrängt

Philipp Türmer will den Kapitalismus erklären, Unternehmer belehren und politische Gegner abkanzeln. Doch sein Auftritt bei Maischberger wirft eine ganz andere Frage auf. Wie viel Selbstgewissheit verträgt Politik, wenn Respekt und menschliche Größe auf der Strecke bleiben?

Das Türmer Problem zeigt sich dort, wo politische Selbstgewissheit in Überheblichkeit umzuschlagen droht. Philipp Türmer will den Kapitalismus erklären, Unternehmer belehren und politische Gegner abkanzeln. Doch sein Auftritt bei Maischberger wirft eine viel grundsätzlichere Frage auf. Wie viel Selbstgewissheit verträgt Politik, wenn Respekt, Anstand und menschliche Größe auf der Strecke bleiben?

Der Vorsitzende der Jusos trat bei Sandra Maischberger mit einer Selbstgewissheit auf, die auf Kritiker nicht souverän, sondern selbstzufrieden wirken dürfte. Ein junger Politiker, der mit großer Überzeugung erklärt, wie Vermögen verteilt, Unternehmer belastet und gesellschaftliche Verhältnisse verändert werden sollten.

Man kann diese Positionen teilen. Man kann sie ablehnen. Problematisch wird es dort, wo politische Überzeugung in demonstrative Überlegenheit umzuschlagen scheint und der Respekt vor dem politischen Gegner verloren geht. Genau hier offenbart sich das eigentliche Türmer Problem.

Wenn Häme an die Stelle politischen Anstands tritt

Besonders deutlich wird das beim Umgang Türmers mit Jens Spahn. Türmer hatte dessen Rücktritt als Vorsitzender der CDU CSU Bundestagsfraktion mit dem Öffnen einer Bierflasche gefeiert. Bei Maischberger verteidigte er seine Reaktion anschließend ausdrücklich mit den Worten, er habe sich über Spahns Rücktritt gefreut.

Zudem erklärte er, er hätte praktisch jeden Anlass akzeptiert, der zu Spahns Ausscheiden geführt hätte. Damit geht es nicht mehr allein um politische Kritik. Selbstverständlich darf ein Juso Chef Jens Spahn kritisieren. Selbstverständlich darf Türmer dessen politische Entscheidungen, die Maskenaffäre oder Widersprüche in dessen Positionen thematisieren.

Aber muss man den politischen Niedergang eines Gegners zelebrieren? Muss man eine Bierflasche öffnen und öffentlich feiern? Genau hier zeigt sich das Türmer Problem. Demokratie lebt vom Streit, aber ebenso von der Fähigkeit, den politischen Gegner trotz aller Gegensätze als Menschen und legitimen Teilnehmer des demokratischen Wettbewerbs zu respektieren.

Wer sich über das Scheitern eines Gegners demonstrativ freut, darf sich deshalb nicht wundern, wenn ihm mangelnde Größe vorgeworfen wird.

Türmer scheint seine Außenwirkung vollkommen anders wahrzunehmen

Besonders interessant ist die Diskrepanz zwischen Türmers offenbar selbstbewusstem Auftreten und der Wahrnehmung zahlreicher Zuschauer. Die Kommentare zu seinem Fernsehauftritt sind selbstverständlich keine repräsentative Meinungsumfrage. Das muss journalistisch ausdrücklich festgehalten werden. Dennoch zeigen sie ein auffälliges Stimmungsbild.

Ein Kommentator beschreibt Türmers Auftreten ausdrücklich als arrogant. Ein anderer kritisiert fehlende Lebenserfahrung und eine überzogene Eigenwahrnehmung. Wieder ein anderer sieht in seinem Verhalten gegenüber Spahn mangelnde Reife. Das ist bemerkenswert. Denn möglicherweise liegt genau darin das Türmer Problem.

Selbstbewusstsein ist in der Politik notwendig. Selbstgewissheit ohne erkennbare Selbstreflexion kann dagegen schnell überheblich wirken. Türmer scheint sich als jemand zu verstehen, der fundamentale Ungerechtigkeiten erkennt und ausspricht. Bei einem Teil des Publikums kommt offenbar etwas vollkommen anderes an. Nicht Mut. Nicht Führungsstärke. Nicht intellektuelle Überlegenheit.

Sondern Arroganz.

Ein Akademiker erklärt Unternehmern die Wirtschaft

Auch die wirtschaftspolitische Auseinandersetzung mit Christoph Ahlhaus vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft ist aufschlussreich. Türmer bezeichnete sich in der Sendung sogar als den „unternehmensfreundlichsten Sozialisten“.

Ahlhaus hielt dagegen und warf ihm Vorstellungen aus den siebziger Jahren vor. Nach Darstellung des Artikels verwies Ahlhaus darauf, dass Vermögen mittelständischer Unternehmer häufig gerade nicht irgendwo auf privaten Konten herumliegt, sondern als Betriebsvermögen im Unternehmen gebunden ist.

Genau diese Unterscheidung ist entscheidend. Wer über Vermögen spricht, muss erklären, ob er frei verfügbares Privatvermögen, Unternehmensanteile, Immobilien, Maschinen, Produktionsanlagen oder gebundenes Betriebsvermögen meint. Ein Unternehmer, dessen Unternehmen zehn Millionen Euro wert ist, besitzt schließlich nicht automatisch zehn Millionen Euro auf seinem Girokonto.

Das Türmer Problem besteht deshalb nicht darin, dass ein Juso Vorsitzender Vermögensungleichheit kritisiert. Darüber muss eine Demokratie diskutieren. Problematisch wird es, wenn komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge auf ein moralisches Schema reduziert werden, in dem Vermögende schnell auf der einen und vermeintlich Benachteiligte auf der anderen Seite stehen.

Unternehmer tragen Risiken. Sie investieren Kapital. Sie beschäftigen Mitarbeiter. Sie haften für Entscheidungen. Sie müssen Löhne bezahlen, bevor sie wissen, wie erfolgreich das nächste Geschäftsjahr wird. Das ist keine romantische Verteidigung von Unternehmern. Das ist wirtschaftliche Realität.

Ausbildung ersetzt keine Lebenserfahrung

Türmer ist keineswegs ungebildet. Der heute 30-Jährige besitzt laut dem vorliegenden Bericht Abitur, einen Bachelorabschluss in Wirtschaftswissenschaften und das Erste Juristische Staatsexamen. Das sollte man ihm nicht absprechen. Aber akademische Qualifikation und praktische Lebenserfahrung sind unterschiedliche Dinge.

Ein Studium vermittelt Wissen. Es vermittelt nicht automatisch Erfahrung in Unternehmensführung, Personalverantwortung, Existenzgründung oder dem täglichen Risiko eines Selbstständigen. Genau dieser Punkt beschäftigt auch zahlreiche Kommentatoren. Dort wird immer wieder die Distanz zwischen theoretischem Wissen und praktischer Wirtschaftserfahrung thematisiert.

Ein Kommentator bezeichnet mittelständische Betriebe als Rückgrat der Wirtschaft und stellt praktische Erfahrung ausdrücklich theoretischen Konzepten gegenüber. Auch diese Kommentare beweisen nichts über Türmers tatsächliche Kompetenz. Sie zeigen aber, welches Image er bei einem Teil des Publikums erzeugt. Und Image ist für einen Politiker nicht nebensächlich.

Das Türmer Problem ist größer als Philipp Türmer

Die SPD sollte deshalb genau hinschauen. Denn Philipp Türmer steht als Juso Vorsitzender für politischen Nachwuchs. Er repräsentiert eine Generation, aus der später möglicherweise Minister, Parteivorsitzende und Fraktionsvorsitzende hervorgehen. Gerade deshalb sollte politische Jugend nicht mit politischer Unreife verwechselt werden.

Jugend darf radikal denken. Jugend darf bestehende Verhältnisse infrage stellen. Jugend darf provozieren. Aber Respekt, Anstand und menschliche Größe sind keine Frage des Alters. Das Türmer Problem entsteht dort, wo Provokation zum Selbstzweck wird und der politische Gegner nicht mehr widerlegt, sondern dessen Niederlage genüsslich gefeiert wird.

Auch Türmers Kritiker sollten fair bleiben

Allerdings wäre es ebenso falsch, aus den zahlreichen negativen Kommentaren eine einhellige Ablehnung Türmers abzuleiten. Es gibt durchaus Stimmen, die ihn verteidigen. Ein Kommentator fragt ausdrücklich, warum sich ein Juso Chef nicht über Spahns Rücktritt freuen dürfe. Ein anderer schreibt, junge Politiker würden gelegentlich über das Ziel hinausschießen und verweist gleichzeitig auf die Kritik an Spahns Umgang mit der Leihmutterschaft.

Auch bei der Vermögensfrage gibt es Gegenpositionen. Ein Kommentator verweist beispielsweise auf die wachsende Vermögensungleichheit und verteidigt damit grundsätzlich die politische Stoßrichtung, für die Türmer steht. Das gehört zu einer fairen Betrachtung dazu. Doch genau deshalb wäre von Türmer mehr zu erwarten.

Wer für soziale Gerechtigkeit eintritt, sollte nicht nur über Solidarität reden. Er sollte Respekt vorleben. Wer moralische Maßstäbe an Unternehmer, Vermögende und politische Gegner anlegt, muss akzeptieren, dass dieselben Maßstäbe auch für das eigene Verhalten gelten.

Moralische Überlegenheit muss sich am eigenen Verhalten messen lassen

Hier liegt der zentrale Widerspruch. Politiker können nicht permanent gesellschaftliche Solidarität einfordern und gleichzeitig Häme gegenüber politischen Gegnern kultivieren. Sie können nicht Respekt verlangen und Respektlosigkeit als politische Pointe verkaufen. Sie können nicht gesellschaftlichen Zusammenhalt predigen und gleichzeitig die Niederlage eines Gegners feiern.

Genau deshalb ist das Türmer Problem keine Frage von links oder rechts. Es ist eine Frage politischer Kultur. Ein überzeugender Politiker benötigt mehr als Ausbildung, rhetorische Schlagfertigkeit und ein geschlossenes Weltbild. Er braucht die Fähigkeit zum Zweifel. Er braucht die Bereitschaft zuzuhören.

Und vor allem braucht er die Fähigkeit, einen Gegner hart anzugreifen, ohne dessen Niederlage persönlich zu genießen.

Türmer sollte die Reaktionen auf sich ernst nehmen

Vielleicht wäre deshalb ausgerechnet für Philipp Türmer eine Eigenschaft besonders wertvoll, die in der heutigen politischen Öffentlichkeit immer seltener geworden ist. Selbstreflexion.

Die Kommentare unter dem Bericht sind zum Teil überzogen und manche schlicht beleidigend. Sie sollten deshalb keinesfalls ungefiltert zum Maßstab journalistischer Bewertung gemacht werden.

Doch wenn sich Begriffe wie Arroganz, mangelnde Reife, fehlende Lebenserfahrung und überzogene Eigenwahrnehmung wiederholen, sollte ein Politiker zumindest darüber nachdenken, weshalb dieser Eindruck entsteht. Die vorliegenden Reaktionen zeigen jedenfalls deutlich, dass Türmers Auftreten bei einem Teil des Publikums genau solche Assoziationen auslöst.

Vielleicht liegt darin die größte Ironie dieses Auftritts. Philipp Türmer möchte offenbar gesellschaftliche Verhältnisse verändern. Doch bevor man anderen erklärt, wie eine gerechtere Gesellschaft auszusehen hat, lohnt manchmal ein Blick auf die eigene Wirkung. Denn politische Reife zeigt sich nicht darin, wie laut jemand einen Gegner kritisieren kann. Sie zeigt sich darin, wie jemand mit einem Gegner umgeht, wenn dieser am Boden liegt.

„Politische Größe zeigt sich nicht im Triumph über den Gegner, sondern im Respekt, den man ihm selbst in der Niederlage entgegenbringt.“

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