Das CDU-Desaster in Mecklenburg Vorpommern ist historisch. Gerade einmal 4,9 Prozent erreichte die Partei bei der Landtagswahl. 2021 waren es noch 13,3 Prozent. Erstmals scheitert die CDU damit bei einer Landtagswahl an der Fünf Prozent Hürde und ist künftig nicht mehr im Schweriner Landtag vertreten.
Das ist nicht irgendeine Niederlage. Es ist ein politischer Absturz, dessen Dimension weit über einen schlechten Wahlabend hinausgeht. An der Spitze der CDU stand Daniel Peters. Er war Landesvorsitzender. Er war Spitzenkandidat. Er war das Gesicht der Kampagne. Er wollte Ministerpräsident werden.
Nach einem solchen CDU-Desaster müsste deshalb eine Frage eigentlich ganz oben auf der politischen Tagesordnung stehen. Herr Peters, was haben Sie selbst falsch gemacht?
CDU-Desaster und die Suche nach den Ursachen
Daniel Peters bezeichnete das Ergebnis selbst als „krachende Wahlniederlage“ und als „Katastrophe“. Daran gibt es angesichts des Ergebnisses wenig zu beschönigen. Bei der Erklärung der Ursachen richtet sich der Blick allerdings auffallend schnell auf die schwierigen Rahmenbedingungen. Peters erklärte nach der Wahl, die CDU sei in einem stark polarisierten Wahlkampf zwischen SPD und AfD zerrieben worden.
Besonders bemerkenswert war seine Aussage, es habe keine Rückendeckung und keinen Rückenwind aus Berlin gegeben. Das kann durchaus ein Teil der Erklärung für das CDU-Desaster sein. Bundespolitik beeinflusst Landtagswahlen. Ein schwacher Bundestrend kann einer Landespartei massiv schaden. Die politische Wahrnehmung von Friedrich Merz spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Doch Erklärung und Verantwortung sind nicht dasselbe.
Achtung Ironie: Der Kapitän und der Gegenwind
Stellen wir uns einen Kapitän vor, der sein Schiff auf Grund setzt. Anschließend tritt er vor die Mannschaft und erklärt: Der Wind war ungünstig, die Strömung zu stark und aus der Zentrale an Land kam zu wenig Unterstützung. Alles richtig. Nur eine Frage bleibt: Wer stand eigentlich am Steuer?
Genau diese Frage muss sich Daniel Peters nach dem CDU-Desaster in Mecklenburg Vorpommern gefallen lassen. Friedrich Merz mag für politischen Gegenwind aus Berlin verantwortlich sein. Den Kurs der Landes CDU bestimmte jedoch deren eigene Führung. Wer als Spitzenkandidat antritt und Ministerpräsident werden will, beansprucht das Steuer. Dann gehört nach einer historischen Niederlage auch die Frage dazu, ob möglicherweise nicht nur der Wind falsch stand, sondern der eigene Kurs.
Friedrich Merz kann nicht am Steuer in Schwerin stehen
Es wäre zu einfach, Friedrich Merz vollständig aus der Analyse herauszunehmen. Natürlich trägt der Bundesvorsitzende Verantwortung für den Zustand seiner Partei auf Bundesebene. Natürlich beeinflusst die Bundesregierung das Ansehen der Union. Natürlich können Entscheidungen aus Berlin einem Wahlkämpfer in Schwerin helfen oder schaden. Aber Friedrich Merz war nicht Spitzenkandidat in Mecklenburg Vorpommern.
Er entwickelte nicht die landespolitische Kampagne. Er musste Daniel Peters nicht erklären, welche Themen die Menschen zwischen Rostock, Schwerin und Neubrandenburg bewegen. Und er konnte Peters vor allem eines nicht abnehmen. Ein eigenes politisches Profil aufzubauen. Genau darin liegt eine zentrale Frage hinter dem CDU-Desaster.
Wo war das politische Profil von Daniel Peters?
Ein Spitzenkandidat muss mehr sein als der Vertreter seiner Bundespartei in einem Bundesland. Er muss erklären können, warum gerade er dieses Land führen möchte. Er muss Themen setzen. Er muss Aufmerksamkeit erzeugen. Er muss Menschen erreichen, die möglicherweise mit seiner Bundespartei unzufrieden sind, ihm persönlich aber trotzdem vertrauen.
Und er muss im Idealfall stärker sein als der Bundestrend. Genau hier lohnt sich der Vergleich mit Manuela Schwesig. Auch die SPD Ministerpräsidentin konnte sich die Bundespolitik ihrer Partei nicht aussuchen. Auch sie musste mit Entscheidungen aus Berlin leben. Trotzdem gelang es ihr, ihre Person stark in den Mittelpunkt des Wahlkampfs zu stellen.
Warum gelang Daniel Peters das nicht? Diese Frage lässt sich nicht nach Berlin delegieren.
Von 13,3 auf 4,9 Prozent
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß des CDU-Desasters. 2021 erreichte die CDU in Mecklenburg Vorpommern noch 13,3 Prozent. 2026 sind es 4,9 Prozent. Das bedeutet einen Verlust von 8,4 Prozentpunkten. Gemessen am damaligen Stimmenanteil hat die Partei damit fast zwei Drittel verloren.
Ein Spitzenkandidat ist selbstverständlich nicht für jede einzelne verlorene Stimme persönlich verantwortlich. Aber wer eine Partei in eine Wahl führt, muss nach einem solchen Ergebnis erklären, welche Entscheidungen falsch waren. Welche Strategie hat nicht funktioniert? Welche Botschaften kamen nicht an? Warum wurde die CDU zwischen SPD und AfD nahezu unsichtbar?
Warum konnte Peters den schlechten Bundestrend nicht wenigstens teilweise kompensieren? Und warum gelang es der Landes CDU nicht, eine politische Erzählung zu entwickeln, die unabhängig von Friedrich Merz funktionierte? Das sind Fragen an Schwerin. Nicht an Berlin, und schon gar nicht an Friedrich Merz!
Das CDU-Desaster war nicht plötzlich da
Besonders unangenehm ist ein weiterer Punkt. Die schwierige Ausgangslage war nicht erst am Wahlabend bekannt. Die Polarisierung zwischen AfD und SPD zeichnete sich vorher ab. Die Probleme der Bundes CDU waren bekannt. Die politische Stimmung gegenüber Friedrich Merz war bekannt. Ein Spitzenkandidat muss gerade für schwierige Bedingungen eine Strategie entwickeln.
Ein Kapitän wird schließlich nicht nur dafür gebraucht, ein Schiff bei Sonnenschein und Windstille zu steuern. Seine eigentliche Aufgabe zeigt sich dann, wenn Gegenwind aufkommt. Genau deshalb greift die Erklärung vom fehlenden Rückenwind aus Berlin zu kurz. Vielleicht bestand die entscheidende Aufgabe von Daniel Peters gerade darin, zu beweisen, dass eine CDU Mecklenburg Vorpommern auch gegen den Wind segeln kann. Das Ergebnis von 4,9 Prozent spricht jedenfalls nicht dafür, dass dies gelungen ist.
Verantwortung darf nicht im Kollektiv verschwinden
Peters hat zugleich betont, dass er die Schuld nicht einfach nach Berlin abschieben wolle und dass die CDU gemeinsam Verantwortung trage. Das ist ein wichtiger Hinweis. Doch auch der Begriff der gemeinsamen Verantwortung verdient eine kritische Betrachtung. Denn Verantwortung, die auf sehr viele Schultern verteilt wird, kann erstaunlich leicht unsichtbar werden.
Wenn alle verantwortlich sind, wer übernimmt dann konkret Verantwortung?
Genau deshalb braucht es nach dem CDU-Desaster mehr als allgemeine Formulierungen. Welche Fehler hat Daniel Peters gemacht? Was würde er heute anders machen? Welche Entscheidungen seiner Kampagne waren falsch? Welche Warnzeichen wurden übersehen? Und warum gelang es ihm nicht, die eigene Partei aus der politischen Umklammerung zwischen SPD und AfD zu befreien? Das wäre Selbstkritik.
Erfolg persönlich, Niederlage kollektiv?
In der Politik existiert ein bemerkenswertes Ritual. Wer eine Wahl gewinnt, wird am Wahlabend gefeiert. Der Spitzenkandidat steht auf der Bühne. Er bekommt den Applaus. Er hat die Partei geführt. Er hat die richtige Strategie gewählt. Er hat die Menschen überzeugt.
Bei Niederlagen verändert sich die Sprache häufig erstaunlich schnell. Dann waren es plötzlich die Rahmenbedingungen. Der Bundestrend. Die Medien. Die Polarisierung. Die politische Großwetterlage. Oder eben der fehlende Rückenwind. Gerade deshalb ist die Frage nach persönlicher Verantwortung so wichtig. Führung kann keine Einbahnstraße sein. Wer den Erfolg für sich beansprucht, muss sich auch am Misserfolg messen lassen.
CDU-Desaster offenbart ein Führungsproblem
Das CDU-Desaster von Mecklenburg Vorpommern ist deshalb mehr als eine Geschichte über Friedrich Merz. Es ist eine Geschichte über politische Führung. Merz muss erklären, warum die CDU bundesweit Probleme hat. Peters muss erklären, warum seine CDU in Mecklenburg Vorpommern auf 4,9 Prozent abgestürzt ist.
Beides widerspricht sich nicht. Im Gegenteil. Gerade diese Trennung der Verantwortlichkeiten wäre Voraussetzung für eine ernsthafte Aufarbeitung. Denn ein Landesvorsitzender ist kein Passagier auf einem Schiff, dessen Kurs ausschließlich in Berlin festgelegt wird. Er steht selbst auf der Brücke.
Herr Peters, wer stand am Steuer?
Am Ende führt das CDU-Desaster deshalb zurück zu der vielleicht einfachsten Frage dieses Wahlabends. Wer stand am Steuer? Friedrich Merz hat politischen Gegenwind produziert oder zumindest nicht verhindern können. Darüber darf und muss innerhalb der CDU gesprochen werden.
Aber Daniel Peters wollte Ministerpräsident von Mecklenburg Vorpommern werden. Er beanspruchte Führung. Er beanspruchte Verantwortung. Er wollte bestimmen, wohin das Land politisch steuert. Dann gehört nach einem Ergebnis von 4,9 Prozent auch der Mut dazu, nicht zuerst über Windrichtung und Strömung zu sprechen. Sondern über den eigenen Kurs.
Vielleicht beginnt die notwendige Aufarbeitung deshalb mit einem ausgesprochen einfachen Satz: Ich habe Fehler gemacht. Das wäre keine Schwäche. Es wäre ein Zeichen politischer Verantwortung. Denn der Kapitän kann den Wind nicht bestimmen. Aber er ist dafür verantwortlich, wie er sein Schiff durch diesen Wind steuert.
„Verantwortung beginnt dort, wo die Suche nach der Schuld der anderen endet.“
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