Die Grüne Wohlfühlzone könnte kaum symbolträchtiger inszeniert sein. Franziska Brantner, Felix Banaszak und der Berliner Grünen Spitzenkandidat Werner Graf stehen am Rand des Görlitzer Parks und präsentieren ihre Vorstellungen einer klimafreundlicheren Stadt. Hinter ihnen verlaufen ein neuer Zweirichtungsradweg und begrünte Flächen, die beispielhaft zeigen sollen, wie die grüne Stadt der Zukunft aussehen könnte. Doch bereits wenige Meter außerhalb dieses gewünschten Bildes beginnt eine Realität, die mit dieser politischen Zukunftsvision nur schwer zusammenpasst.
Zelte wohnungsloser Menschen stehen in den Grünanlagen. Der Bürgersteig wird als dreckig beschrieben. In den umliegenden Straßenzügen wird gedealt. Mauern und Laternen sind mit Graffiti und politischen Parolen beschmiert. Auf einer Mauer steht „Befreit Palästina“, auf einer Laterne findet sich die Parole „Scheiß Israel“.
Und damit stellt sich eine unbequeme Frage. Ist das tatsächlich das Ambiente, das grüne Stadtpolitik inzwischen als Normalität akzeptiert?
Die Grüne Wohlfühlzone und die Wirklichkeit daneben
Es wäre unfair, den Grünen Obdachlosigkeit, Graffiti oder Drogenhandel allein anzulasten. Die Ursachen solcher Probleme sind komplex, und gerade Berlin wird seit Jahrzehnten von unterschiedlichen politischen Konstellationen regiert. Doch darum geht es nicht. Es geht um politische Prioritäten und um die Wahrnehmung dessen, was eine lebenswerte Stadt eigentlich ausmacht.
Denn Lebensqualität besteht nicht nur aus Radwegen, entsiegelten Flächen und Bäumen. Sie bedeutet ebenso Sauberkeit, Sicherheit, Ordnung und öffentliche Räume, in denen sich Menschen gerne aufhalten. Eine Grüne Wohlfühlzone kann nicht dadurch entstehen, dass man einen Radweg baut und wenige Meter daneben gesellschaftliche Verwahrlosung hinnimmt.
Verwahrlosung ist kein urbanes Lebensgefühl
Deutschland sollte aufpassen, dass es sich nicht an Bilder gewöhnt, die vor einigen Jahrzehnten noch als offensichtlicher Missstand wahrgenommen worden wären. Zelte in öffentlichen Grünanlagen sind kein Zeichen erfolgreicher Sozialpolitik. Vermüllung ist keine urbane Vielfalt.
Drogenhandel gehört nicht zum unvermeidlichen Flair einer Großstadt. Antisemitische Schmierereien sind keine politische Folklore. Und ungepflegte öffentliche Räume werden nicht dadurch attraktiver, dass irgendwo daneben eine ökologisch wertvolle Bepflanzung angelegt wurde. Gerade dieser Gegensatz macht die Grüne Wohlfühlzone politisch interessant.
Drei Bäume vor jedem Haus und maximal 300 Meter bis zum Park
Die Grünen haben sehr konkrete Vorstellungen davon, wie Städte künftig gestaltet werden sollen. Mit dem sogenannten 3 30 300 Prinzip soll unter anderem erreicht werden, dass von jedem Wohnhaus mindestens drei große Bäume sichtbar sind, jeder Stadtteil eine Baumkronenabdeckung von mindestens 30 Prozent erreicht und jedes Haus höchstens 300 Meter von einer öffentlichen Grünfläche entfernt liegt.
Zusätzlich sollen Kommunen unter anderem Trinkwasserspender, Schattenplätze und Nebelduschen schaffen. Schulen, Kindertagesstätten, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sollen besser gegen Hitze geschützt werden. Über solche Vorschläge lässt sich sachlich diskutieren. Viele davon können sinnvoll sein.
Doch was nützt ein Park in 300 Metern Entfernung, wenn Menschen diesen Park aufgrund von Drogenhandel, Vermüllung oder einem Gefühl mangelnder Sicherheit nicht gerne besuchen? Was nützen drei Bäume vor dem Fenster, wenn der öffentliche Raum darunter verwahrlost?
Warum gehört Sauberkeit nicht ebenso zur Grünen Wohlfühlzone?
Genau an dieser Stelle entsteht der politische Widerspruch. Wer detailliert festlegt, wie hoch der Anteil der Baumkronen eines Stadtviertels sein sollte, müsste mindestens ebenso leidenschaftlich darüber diskutieren, wie öffentliche Räume sauber und sicher gehalten werden.
Die Fragen liegen auf der Hand. Wie verhindern wir, dass Menschen dauerhaft in Zelten in öffentlichen Parks leben müssen? Wie bekämpfen wir offenen Drogenhandel? Wie sorgen wir dafür, dass Graffiti und antisemitische Parolen konsequent entfernt werden? Wie schaffen wir Parks, in denen sich Familien, Kinder und ältere Menschen selbstverständlich aufhalten?
Auch das ist Umweltpolitik. Denn Umwelt ist nicht nur Klima. Umwelt ist die unmittelbare Umgebung, in der Menschen leben.
Die Grüne Wohlfühlzone braucht mehr als einen Radweg
Natürlich gehören Radwege zu einer modernen Stadt. Ebenso Bäume, Parks und entsiegelte Flächen. Doch eine Stadt ist kein ökologisches Planspiel.
Menschen erleben ihren Wohnort nicht anhand von Klimakonzepten und Prozentzahlen. Sie erleben ihn, wenn sie morgens das Haus verlassen. Sie sehen den Gehweg. Sie sehen die Grünanlage. Sie sehen den Bahnhof. Sie sehen Müll, Graffiti und Verwahrlosung genauso wie Bäume und Blumen.
Politik sollte deshalb nicht den Fehler machen, das eine gegen das andere auszuspielen. Eine wirklich lebenswerte Stadt braucht beides. Sie braucht ökologische Qualität und gesellschaftliche Ordnung.
Der Görlitzer Park wird zum politischen Symbol
Besonders bemerkenswert ist deshalb das Bild des politischen Termins selbst. Auf der Aufnahme sind Politiker, Journalisten und Kamerateams zu sehen. Im Hintergrund befindet sich tatsächlich ein Zelt nebst Matratze in der Grünanlage. Man könnte kaum ein treffenderes Symbol für die gegenwärtige Debatte finden.
Vorne wird über die Zukunft gesprochen. Hinten steht die Gegenwart. Und dazwischen liegt die Frage, ob Politik ihre unmittelbare Umgebung überhaupt noch mit denselben Augen betrachtet wie viele Bürger. Die Grüne Wohlfühlzone darf nicht nur innerhalb eines sorgfältig gewählten Kameraausschnitts funktionieren.
Soll so Deutschland aussehen?
Diese Frage ist bewusst zugespitzt. Natürlich sieht Deutschland nicht überall aus wie das Umfeld des Görlitzer Parks. Tausende Städte und Gemeinden verfügen über gepflegte Parks, saubere Straßen und funktionierende öffentliche Räume. Gerade deshalb sollte man Verwahrlosung nicht als unvermeidliche Begleiterscheinung moderner Großstädte akzeptieren.
Deutschland kann gleichzeitig klimafreundlicher, grüner, sauberer und sicherer werden. Dafür braucht es allerdings eine Politik, die nicht nur die großen gesellschaftlichen Transformationen im Blick hat, sondern auch das scheinbar Banale. Saubere Straßen. Gepflegte Parks. Sichere Plätze. Ordentliche Bahnhöfe. Und öffentliche Räume, die tatsächlich der gesamten Bevölkerung gehören.
Die eigentliche Herausforderung für die Grünen
Die Grünen möchten zeigen, wie Deutschland in zehn oder zwanzig Jahren aussehen könnte. Vielleicht sollten sie häufiger damit beginnen, sich anzusehen, wie es heute aussieht. Wer eine bessere Zukunft verspricht, muss zunächst beweisen, dass er die Probleme der Gegenwart erkennt. Der Görlitzer Park liefert dafür eine eindrucksvolle Kulisse.
Nicht weil dort ein Radweg gebaut wurde. Sondern weil wenige Meter daneben sichtbar wird, wie weit politische Vision und gesellschaftliche Realität auseinanderliegen können. Eine Grüne Wohlfühlzone sollte ein Ort sein, an dem sich möglichst viele Menschen wohlfühlen. Nicht nur Politiker vor Fernsehkameras.
„Eine lebenswerte Stadt beginnt nicht mit einer politischen Vision, sondern mit einem öffentlichen Raum, in dem Menschen tatsächlich gerne leben.“
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