Der Lanz-Effekt ist in diesen Tagen ein bemerkenswertes Phänomen der deutschen Medienlandschaft. Wer politische Talkshows verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, Deutschland stehe unmittelbar vor dem nächsten Kanzlerwechsel. Und kaum irgendwo wird diese Debatte intensiver geführt als bei Markus Lanz. Dabei ist zunächst eines festzuhalten.
Die Krise innerhalb der Union ist keine Erfindung des ZDF. Die politische Situation von Friedrich Merz ist schwierig und innerhalb der CDU wird über Konsequenzen diskutiert. Gleichzeitig stellten sich zuletzt acht CDU Ministerpräsidenten öffentlich hinter den Bundeskanzler. Die Diskussion über seine Ablösung ist also keineswegs entschieden. Trotzdem dreht sich die mediale Spirale weiter. Und genau hier beginnt der Lanz-Effekt.
Der Lanz-Effekt und die Macht der Wiederholung
Eine politische Talkshow darf über einen möglichen Kanzlerwechsel sprechen. Selbstverständlich darf sie schlechte Umfragewerte thematisieren, innerparteiliche Konflikte offenlegen und die Autorität eines Bundeskanzlers hinterfragen. Das gehört zu den Aufgaben kritischer Medien.
Doch Medien besitzen Macht. Diese Macht entsteht nicht nur dadurch, was ein Moderator selbst sagt. Sie entsteht durch Themenauswahl, Gästelisten, Fragestellungen, Wiederholungen und durch die Entscheidung darüber, welcher Konflikt zum bestimmenden politischen Thema eines Abends gemacht wird. In der vorliegenden Sendung wurde die Lage von Friedrich Merz entsprechend drastisch beschrieben.
Paul Ronzheimer erklärte, die Situation für Merz sei so schwierig, wie es noch kein Kanzler in der deutschen Geschichte erlebt habe. Er verwies auf dessen schlechte Werte und deren Auswirkungen auf die CDU. Anna Lehmann wiederum kritisierte die Reformpolitik der schwarz roten Koalition und erklärte, ein klarer Plan sei nicht erkennbar. Das sind legitime journalistische Einschätzungen. Aber die Zuspitzung ging weiter.
Merz plötzlich „nicht mehr reparabel“
Daniel Friedrich Sturm sprach von einem erheblichen Autoritäts- und Ansehensverlust des Bundeskanzlers. Die Unterstützung der acht CDU Ministerpräsidenten wertete er lediglich als vorübergehende Atempause. Dann folgte der entscheidende Satz.
Sturm erklärte, die Ansehensverluste seien derart groß und die Stimmung gegenüber Friedrich Merz derart schlecht, dass er die Situation für „nicht mehr reparabel“ halte. Ein Verzicht von Merz auf eine erneute Kanzlerkandidatur 2029 könne seiner Ansicht nach sogar ein „Befreiungsschlag“ sein. Auch das darf ein Journalist selbstverständlich sagen.
Aber dann sollte eine politische Talkshow mindestens genauso intensiv die Gegenfrage stellen. Was wäre nach einem Kanzlerwechsel eigentlich besser?
Der Lanz-Effekt verdrängt eine entscheidende Frage
Genau an dieser Stelle wird die Diskussion interessant. Angenommen, Friedrich Merz wäre morgen nicht mehr Bundeskanzler. Was würde sich übermorgen ändern? Würde dadurch die deutsche Wirtschaft automatisch stärker? Würden die Energiepreise sinken? Wären die Probleme der Rentenversicherung gelöst? Würde Wohnraum plötzlich günstiger? Würde sich der Fachkräftemangel erledigen?
Würde die Koalition plötzlich in allen zentralen Fragen einer Meinung sein? Natürlich nicht automatisch. Ein Wechsel an der Spitze des Kanzleramtes kann politische Dynamiken verändern. Er kann einer Regierung neue Autorität verschaffen oder Konflikte entschärfen. Er kann aber ebenso neue Machtkämpfe auslösen. Deshalb müsste neben der Frage „Muss Merz weg?“ immer eine zweite stehen. Was soll danach konkret anders werden?
Markus Lanz ist längst ein mächtiger politischer Faktor
Hier liegt die eigentliche Problematik des Lanz-Effekts. Markus Lanz ist nicht irgendein Gesprächsleiter in irgendeiner Fernsehsendung. Seine Talkshow erreicht ein großes Publikum und produziert Aussagen, die anschließend von Zeitungen, Nachrichtenportalen und sozialen Medien weiterverbreitet werden. Ein Satz am Abend kann am nächsten Morgen zur Schlagzeile werden.
Genau das geschieht auch mit dieser Sendung. Der vorliegende Bericht hebt die außergewöhnliche Kanzlerthese bereits in seiner Überschrift hervor und beschreibt, wie Daniel Friedrich Sturm die Debatte zuspitzte. Damit entsteht eine mediale Rückkopplung. Politiker diskutieren über Merz. Talkshows diskutieren darüber, dass Politiker über Merz diskutieren.
Medien berichten anschließend darüber, dass Journalisten in Talkshows über einen möglichen Abgang von Merz diskutiert haben. Politiker werden wiederum mit diesen Berichten konfrontiert. Und daraus entstehen die nächsten Schlagzeilen. Das ist der Lanz-Effekt.
Beobachtet Journalismus noch oder erzeugt er bereits Dynamik?
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Markus Lanz einen Kanzlersturz betreibt. Dafür liefert auch der vorliegende Bericht keinen Beleg. Die interessantere Frage lautet ohnehin anders. Wann wird aus journalistischer Beobachtung ein Faktor innerhalb des beobachteten politischen Prozesses?
Diese Frage betrifft nicht nur Markus Lanz. Sie betrifft politischen Journalismus grundsätzlich. Wenn ein mögliches Ereignis permanent diskutiert wird, verändert allein diese Diskussion die politische Realität. Jeder CDU Politiker wird irgendwann gefragt, ob Friedrich Merz noch der richtige Kanzler sei. Jede ausweichende Antwort wird interpretiert. Jede kritische Bemerkung wird zur möglichen Revolte.
Jede Unterstützungserklärung wird plötzlich zum Beweis dafür, wie ernst die Krise angeblich bereits sein müsse. Damit kann eine politische Situation entstehen, in der praktisch jede Nachricht dieselbe Erzählung bestätigt. Genau deshalb verdient der Lanz-Effekt eine kritische Diskussion.
Auch Markus Lanz muss Gegenstand kritischer Öffentlichkeit sein
Journalisten kontrollieren Politiker. Das ist unverzichtbar. Aber wer Macht kontrolliert, darf selbst nicht außerhalb jeder Kritik stehen. Gerade beim öffentlich rechtlichen Rundfunk muss deshalb über Ausgewogenheit, Themengewichtung und journalistische Distanz diskutiert werden dürfen.
Das bedeutet nicht, dass jede politische Meinung exakt gleich viel Sendezeit erhalten muss. Es bedeutet auch nicht, dass schlechte Umfragewerte verschwiegen oder Regierungskrisen Klein geredet werden sollen. Es bedeutet lediglich, dass Journalismus seine eigene Wirkung reflektieren sollte.
Denn zwischen der Frage „Wie stabil ist Friedrich Merz?“ und der permanenten Frage „Wann wird Friedrich Merz abgelöst?“ liegt ein erheblicher Unterschied.
Deutschland hat größere Probleme als die nächste Personaldebatte
Vielleicht offenbart der Lanz-Effekt deshalb noch ein viel größeres Problem. Deutschland diskutiert leidenschaftlich über Personen, während viele strukturelle Fragen ungelöst bleiben. Wer wird Kanzler? Wer könnte Merz ersetzen? Wer positioniert sich? Wer dementiert? Wer unterstützt wen? Politisch unterhaltsam ist das zweifellos.
Aber für einen Unternehmer, Arbeitnehmer, Rentner oder eine Familie, die ein Eigenheim finanzieren möchte, ist eine andere Frage entscheidender. Welche Politik wird tatsächlich gemacht? Der Austausch eines Bundeskanzlers jedenfalls beantwortet diese Frage noch nicht.
Lanz darf provozieren aber er sollte auch hinterfragen
Markus Lanz soll kritisch sein. Er soll Politiker mit Widersprüchen konfrontieren. Er soll seinen Gästen widersprechen und unangenehme Fragen stellen. Genau dafür existiert politischer Journalismus. Doch dieselbe kritische Distanz sollte auch gegenüber einer sich verselbstständigenden medialen Erzählung gelten.
Wenn mehrere Journalisten über das politische Ende eines Bundeskanzlers sprechen, wäre deshalb die spannendste Frage vielleicht nicht, wer dessen Nachfolger wird. Sondern: Warum sollte Deutschland anschließend besser regiert werden? Und wenn darauf niemand eine überzeugende Antwort geben kann, muss man auch die Frage stellen dürfen, welchen Erkenntnisgewinn die permanente Kanzlersturzdebatte überhaupt besitzt.
Der Lanz-Effekt wäre dann weniger ein Problem von Markus Lanz persönlich als ein Symptom einer politischen Medienlandschaft, in der die nächste Eskalation häufig mehr Aufmerksamkeit erzeugt als die mühsame Suche nach Lösungen. Friedrich Merz muss Kritik aushalten. Die Bundesregierung muss Kritik aushalten. Die CDU muss Kritik aushalten.
Aber auch ein mächtiger Fernsehmoderator und seine Sendung müssen Kritik aushalten. Denn Demokratie lebt nicht davon, dass Journalisten Politiker schonen. Sie lebt aber ebenso wenig davon, dass politische Krisen zum medialen Selbstzweck werden. Der Lanz-Effekt sollte deshalb Anlass sein, nicht weniger kritisch über Politik zu berichten, sondern kritischer darüber nachzudenken, welche Rolle Medien inzwischen selbst innerhalb der Politik spielen.
Jan van Aken Skandal bei Markus Lanz – Linken Politiker erwägt Flucht im Ernstfall
Lanz pampert Dröge massiv. Grüne leugnet eisern Migrantenkrise
Ulrike Herrmann. Entgleisung bei Markus Lanz ist ein Skandal


