142,5 Milliarden gegen acht Milliarden
Die Zahlen sind spektakulär. 2025 wurden von den Finanzämtern Vermögensübertragungen durch Erbschaften und Schenkungen von insgesamt 150,5 Milliarden Euro berücksichtigt. Davon entfielen 142,5 Milliarden Euro auf die westlichen Bundesländer. Auf die ostdeutschen Flächenländer und Berlin kamen zusammen lediglich acht Milliarden Euro.
Beim Ost-West-Vermögen öffnet sich damit ein gewaltiger Graben. Pro Einwohner wurden im Westen gut 2.100 Euro steuerlich berücksichtigt, im Osten einschließlich Berlin knapp 500 Euro.
Allerdings muss man diese Zahlen korrekt lesen. Die Statistik umfasst nicht sämtliche Vermögensübertragungen. Viele Erbschaften und Schenkungen unterhalb gesetzlicher Freibeträge erscheinen darin nicht. Der grundsätzliche Vermögensunterschied lässt sich jedoch nicht wegdiskutieren. Die Deutsche Bundesbank kommt bei ihrer Vermögensbefragung 2023 ebenfalls zu erheblichen Differenzen.
Das durchschnittliche Nettovermögen ostdeutscher Haushalte betrug 170.100 Euro, im Westen 364.900 Euro. Noch drastischer fällt der Median aus. 35.900 Euro im Osten stehen 143.200 Euro im Westen gegenüber. Auch Wohneigentum ist unterschiedlich verteilt. Die Quote beträgt 29 Prozent im Osten und 45 Prozent im Westen. Bundesbank Veröffentlichungen
Aber warum ist das so?
Wer über Ost West Vermögen redet, darf die DDR nicht vergessen
Hier beginnt die unbequeme Seite dieser Diskussion. Vermögen entsteht nicht innerhalb eines Jahres. Vermögen wächst über Jahrzehnte und Generationen. Menschen bauen Häuser. Sie kaufen Grundstücke. Sie gründen Unternehmen. Sie investieren Geld. Sie übernehmen wirtschaftliche Risiken. Und irgendwann werden diese Werte an Kinder und Enkel weitergegeben.
Das Ost-West-Vermögen lässt sich deshalb nicht seriös diskutieren, ohne über die völlig unterschiedlichen Wirtschaftsordnungen zu sprechen, unter denen Deutsche bis 1990 lebten. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur dokumentiert die Entwicklung unmissverständlich. Bereits in der sowjetischen Besatzungszone wurden Banken, Sparkassen, Großgrundbesitz und große Industriebetriebe beschlagnahmt.
Später folgten weitere Enteignungen. 1972 beschloss das SED Politbüro schließlich die Verstaatlichung der noch existierenden Privatunternehmen. Rund 11.000 Industrie und Baubetriebe waren von dieser letzten großen Verstaatlichungswelle betroffen. Bundesstiftung Aufarbeitung Das war keine Nebensächlichkeit. Das war Wirtschaftspolitik.
Sozialismus hat Konsequenzen für privates Vermögen
Man kann nicht jahrzehntelang privates Unternehmertum zurückdrängen, Betriebe verstaatlichen und wirtschaftliche Entscheidungen zentralisieren und anschließend erwarten, dass private Familienvermögen dieselbe Entwicklung nehmen wie in einer marktwirtschaftlichen Eigentumsordnung.
Die Bundesstiftung beschreibt, dass nach der Verstaatlichung von 1972 private Unternehmen nur noch vereinzelt im Handwerk und Kleingewerbe bestanden und ihr Anteil an der Gesamtwirtschaft verschwindend gering war. Bundesstiftung Aufarbeitung
Genau hier liegt ein Schlüssel zum Verständnis des Ost-West-Vermögen. Wer keinen Betrieb besitzen kann, kann keinen Betrieb an seine Kinder weitergeben. Wer weniger Möglichkeiten zur privaten Kapitalbildung besitzt, kann später weniger Kapital vererben.
Und wo weniger Wohneigentum entsteht, gibt es Jahrzehnte später zwangsläufig weniger Immobilienvermögen, das innerhalb einer Familie weitergegeben werden kann. Das ist keine moralische Bewertung ostdeutscher Bürger. Es ist eine Folge unterschiedlicher wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.
Was kann der Wessi dafür?
Damit kommen wir zu einer Frage, die in der Ost West Debatte viel zu selten gestellt wird. Was genau soll der Westdeutsche von heute dafür können? Soll sich eine Familie in Bayern entschuldigen, weil der Großvater in den sechziger Jahren ein Grundstück kaufte und darauf ein Haus baute?
Soll sich ein Handwerker in Baden Württemberg rechtfertigen, weil sein Vater einen Betrieb gründete, den er später übernommen hat? Soll eine Familie in Nordrhein Westfalen ein schlechtes Gewissen entwickeln, weil Eltern und Großeltern gespart, investiert und Eigentum geschaffen haben?
Natürlich kann man politisch über Erbschaften streiten. Über Steuern, Freibeträge, Chancengerechtigkeit und Vermögenskonzentration gibt es unterschiedliche legitime Positionen. Aber aus dem Ost-West-Vermögen eine persönliche Schuld heutiger Westdeutscher abzuleiten, würde historische Ursachen und individuelle Verantwortung miteinander vermischen.
Und ebenso wichtig ist die andere Seite. Der einzelne Ostdeutsche trägt keine persönliche Verantwortung für die Wirtschaftspolitik der SED. Millionen Menschen hatten dieses System nicht gewählt und konnten seine Eigentumsordnung nicht frei verändern. Es geht deshalb nicht um Schuld. Es geht um Ursache und Wirkung.
35 Jahre können mehrere Generationen Vermögensbildung nicht einfach ausgleichen
Ein Kommentar zum vorliegenden Bericht stellt eine interessante Frage. Statt den heutigen Osten unmittelbar mit dem heutigen Westen zu vergleichen, müsse man eigentlich untersuchen, wie viel Vermögen im Westen 35 Jahre nach Kriegsende vererbt wurde. Der Gedanke verdient Beachtung.
Die Wiedervereinigung liegt inzwischen mehr als dreieinhalb Jahrzehnte zurück. Westdeutsche Familien konnten aber bereits lange vor 1990 unter marktwirtschaftlichen Bedingungen Immobilien, Unternehmensanteile und Finanzvermögen aufbauen. Das Ost-West-Vermögen von heute ist deshalb auch gespeicherte Wirtschaftsgeschichte. Ein 1960 gebautes Haus existiert heute möglicherweise noch.
Ein damals gegründetes Unternehmen kann inzwischen in zweiter oder dritter Generation geführt werden. Ein Grundstück, das vor Jahrzehnten vergleichsweise wenig kostete, kann heute Hunderttausende Euro wert sein. Erbschaftsstatistiken messen deshalb nicht nur Gegenwart. Sie messen Vergangenheit.
Und nun kommt der politische Widerspruch
An diesem Punkt wird die Diskussion besonders interessant. Wenn ein Teil des heutigen Ost-West-Vermögen tatsächlich auf völlig unterschiedliche Eigentums und Wirtschaftsordnungen zurückzuführen ist, stellt sich zwangsläufig eine weitere Frage.
Welche politischen Konzepte fördern heute privaten Vermögensaufbau und welche erschweren ihn?
Dabei sollte man allerdings nicht in die nächste Pauschalisierung geraten. „Der Osten wählt wieder links“ beschreibt die tatsächlichen Wahlergebnisse nicht korrekt. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte Die Linke bundesweit 8,8 Prozent und legte gegenüber 2021 deutlich zu.
Gleichzeitig verdoppelte die AfD ihren Zweitstimmenanteil nahezu auf 20,8 Prozent. Die ostdeutsche Parteienlandschaft lässt sich daher keineswegs schlicht als Rückkehr zu linken Parteien beschreiben. Bundeswahlleiterin. Gerade deshalb ist die wirtschaftspolitische Frage spannender als die parteipolitische Beschimpfung.
Wer Vermögensbildung fordert, muss über Eigentum reden
Menschen können Parteien aus sehr unterschiedlichen Gründen wählen. Migration, Sicherheit, Außenpolitik, soziale Fragen, Protest, regionale Erfahrungen und persönliche Lebensumstände spielen dabei eine Rolle. Aus einer Stimme für eine bestimmte Partei lässt sich deshalb nicht automatisch eine Zustimmung zu jeder einzelnen wirtschaftspolitischen Position dieser Partei ableiten.
Trotzdem besteht ein legitimer Diskussionspunkt. Wer das geringe Ost-West-Vermögen beklagt, sollte besonders genau hinschauen, welche politischen Rahmenbedingungen private Vermögensbildung ermöglichen. Wie leicht kann eine Familie Wohneigentum erwerben? Wie stark werden Arbeit und Kapital belastet?
Wie attraktiv ist Unternehmertum? Wie sicher ist Privateigentum? Wie viel verfügbares Einkommen bleibt zum Sparen und Investieren? Welche Rolle soll der Staat bei Umverteilung und Eigentum spielen? Das sind die Fragen, die gestellt werden müssen. Denn Vermögensbildung benötigt Zeit. Und sie benötigt Rahmenbedingungen, unter denen Menschen einen Anreiz haben, Eigentum aufzubauen und langfristig zu erhalten.
Ausgerechnet die Vergangenheit sollte zur wirtschaftspolitischen Wachsamkeit führen
Gerade Ostdeutschland besitzt eine historische Erfahrung, die Westdeutschland in dieser Form nicht gemacht hat. Die DDR demonstrierte über Jahrzehnte, wohin eine Wirtschaftsordnung führen kann, wenn der Staat private unternehmerische Entscheidungen zunehmend durch politische Planung ersetzt.
1972 wurde der verbliebene industrielle Mittelstand weitgehend verstaatlicht. Die Bundesstiftung Aufarbeitung beschreibt diese Maßnahmen ausdrücklich als letzte Verstaatlichungswelle auf dem Weg zu einer umfassenden sozialistischen Planwirtschaft. Bundesstiftung Aufarbeitung
Deshalb darf man die Frage stellen, warum eine Gesellschaft, die heute die Folgen geringer privater Vermögensbildung beklagt, nicht besonders sensibel auf politische Konzepte reagiert, die Eigentumsbildung, Unternehmertum oder private Kapitalbildung erschweren könnten. Das ist keine Frage nach der Intelligenz ostdeutscher Wähler. Es ist eine Frage nach wirtschaftspolitischer Konsequenz.
Ost West Vermögen braucht Ehrlichkeit statt Gejammer
Deutschland wird die Vergangenheit nicht dadurch überwinden, dass es sie vergisst. Das Ost-West-Vermögen ist unterschiedlich verteilt. Darüber kann und sollte gesprochen werden. Aber die Erklärung kann nicht lauten, der Westen sei reich und der Osten sei benachteiligt, Punkt.
Dazwischen liegen Jahrzehnte deutscher Geschichte. Dazwischen liegen zwei Wirtschaftssysteme. Dazwischen liegen unterschiedliche Eigentumsordnungen. Und deshalb sollte die entscheidende Frage nicht lauten, warum der Westdeutsche heute mehr erbt.
Sie sollte lauten, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit möglichst viele Menschen in Ost und West selbst Vermögen aufbauen können.
Vielleicht wäre das der endgültige Abschied vom ewigen Ossi Wessi Denken. Nicht darüber streiten, wer nach 35 Jahren mehr besitzt. Sondern dafür sorgen, dass Eigentum, Unternehmertum und Vermögensbildung auch für die nächste Generation möglich bleiben. Denn eines sollte die deutsche Geschichte eigentlich gelehrt haben. Wohlstand lässt sich verteilen. Vermögen muss vorher entstehen.
„Wer fehlendes Vermögen beklagt, sollte nicht nur fragen, wer heute mehr besitzt. Er sollte auch fragen, unter welchen politischen Bedingungen Vermögen überhaupt entstehen und über Generationen erhalten werden kann.“
Enteignung gegen Wohnungsnot. Der Irrweg der Linken ist explosiv und kraftlos


