Jeder hat ein Recht auf Dummheit. Auch Die Linke
Untertitel: Die Linke setzt im Kampf gegen hohe Mieten auf Enteignungen großer Wohnungskonzerne. Doch die Rechnung hat einen fundamentalen Fehler. Durch Enteignung entsteht keine einzige zusätzliche Wohnung. Im Gegenteil könnte die Enteignung gegen Wohnungsnot genau jene Investoren abschrecken, die Deutschland dringend für den Neubau braucht.
Jeder hat das Recht auf Dummheit. Dieses Recht gehört zur Freiheit einer Demokratie. Menschen dürfen an Ideen glauben, selbst wenn diese ökonomisch fragwürdig sind. Parteien dürfen daraus sogar politische Programme machen. Auch Die Linke.
Wenn allerdings aus einer politischen Idee ein milliardenschweres gesellschaftliches Experiment werden soll, muss die Frage erlaubt sein, ob diese Idee überhaupt geeignet ist, das Problem zu lösen. Genau daran scheitert die Enteignung gegen Wohnungsnot. Die Linke fordert weiterhin, große Wohnungskonzerne in öffentliches Eigentum zu überführen.
Auf ihrer eigenen Themenseite zum Wohnen spricht sich die Partei dafür aus, Immobilienkonzerne mit mehr als 3.000 Wohnungen zu vergesellschaften. In einem Beschluss des Parteivorstandes vom Juli 2026 wird zudem ausdrücklich gefordert, in der Baupolitik die Eigentumsfrage zu stellen.
Man kann über Marktmacht großer Wohnungskonzerne diskutieren. Man kann hohe Mieten kritisieren. Man kann einen stärkeren Mieterschutz fordern. Aber eine Frage muss beantwortet werden. Wo entsteht durch eine Enteignung eine einzige zusätzliche Wohnung? Die Antwort lautet: nirgendwo.
Enteignung gegen Wohnungsnot verwechselt Besitz mit Wohnraum
Deutschland hat kein Grundbuchproblem. Deutschland hat ein Wohnraumproblem. Das ist ein entscheidender Unterschied. Eine Wohnung, die heute einem privaten Unternehmen gehört und morgen einer staatlichen Gesellschaft, bleibt dieselbe Wohnung. Sie steht am selben Ort. Sie hat dieselbe Wohnfläche. Dieselbe Küche. Dasselbe Badezimmer. Dieselbe Anzahl an Zimmern.
Die Enteignung gegen Wohnungsnot verändert den Eigentümer, nicht die Zahl der Wohnungen. Gerade angesichts der Entwicklung des deutschen Wohnungsbaus ist diese Unterscheidung entscheidend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2025 lediglich 206.600 Wohnungen fertiggestellt. Das waren 18 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit 2012.
Noch 2020 waren es 306.400 Wohnungen. Deutschland fehlen also nicht politische Debatten darüber, wem vorhandene Häuser gehören. Deutschland fehlen Wohnungen.
Keine einzige Familie bekommt durch Enteignung eine zusätzliche Wohnung
Man stelle sich eine Stadt mit 100.000 Wohnungen und 110.000 Haushalten vor, die dort gerne wohnen möchten. Der Staat enteignet nun 30.000 Wohnungen. Wie viele Wohnungen gibt es anschließend? Immer noch 100.000. Wie viele Haushalte suchen eine Wohnung? Immer noch 110.000.
Das Problem wurde nicht gelöst. Lediglich auf 30.000 Grundbuchblättern steht anschließend ein anderer Eigentümer. Genau deshalb ist die Enteignung gegen Wohnungsnot als Instrument zur Beseitigung eines quantitativen Wohnungsmangels ungeeignet. Wer Wohnungsnot beseitigen möchte, muss Wohnungen bauen. Das klingt banal. Offenbar muss es dennoch ausgesprochen werden.
Wer investiert Millionen, um seine eigene Enteignung vorzubereiten?
Noch problematischer wird die Forderung, wenn man ihre langfristigen Folgen betrachtet. Wohnungsbau benötigt Kapital. Sehr viel Kapital. Grundstücke müssen gekauft werden. Architekten und Fachplaner müssen bezahlt werden. Genehmigungen werden benötigt. Bauunternehmen, Handwerker und Baustoffe kosten Geld. Hinzu kommen Finanzierungskosten, Versicherungen, Erschließung und jahrelange wirtschaftliche Risiken.
Warum sollte ein privater Investor dieses Risiko übernehmen? Weil er eine Rendite erwartet. Das ist keine moralische Kategorie. Das ist die Grundlage einer Investitionsentscheidung. Wer dagegen die Enteignung gegen Wohnungsnot zum politischen Programm erhebt, sendet ein bemerkenswertes Signal an private Investoren.
Investiert ruhig Millionen oder Milliarden Euro. Baut Wohnungen. Übernehmt das Zinsrisiko. Tragt das Kostenrisiko. Beschäftigt Bauunternehmen und Handwerker. Und wenn euer Wohnungsbestand irgendwann groß genug geworden ist, diskutieren wir darüber, euch das Ergebnis eurer Investitionen wieder abzunehmen. Welcher vernünftige Investor soll daraus eine langfristige Investitionsstrategie entwickeln?
Enteignung gegen Wohnungsnot kann den Neubau sogar bremsen
Das eigentliche Risiko liegt deshalb möglicherweise gar nicht bei den Wohnungen, die enteignet werden sollen. Es liegt bei den Wohnungen, die danach nicht mehr gebaut werden. Kapital ist mobil. Ein Investor muss sein Geld nicht in deutschen Mietwohnungsbau stecken. Er kann Gewerbeimmobilien kaufen. Er kann im Ausland investieren. Er kann Aktien, Anleihen oder andere Vermögenswerte erwerben.
Politik kann Kapital nicht dazu zwingen, freiwillig dort investiert zu werden, wo gleichzeitig über Enteignung gesprochen wird. Damit könnte die Enteignung gegen Wohnungsnot einen paradoxen Effekt erzeugen. Eine Politik, die angeblich mehr bezahlbaren Wohnraum ermöglichen soll, könnte die Bereitschaft privater Investoren zum Wohnungsbau reduzieren.
Und damit langfristig den Wohnungsmangel verschärfen.
Enteignung kostet Milliarden
Hinzu kommt ein Aspekt, der in politischen Parolen erstaunlich schnell untergeht. Enteignung ist nicht kostenlos. Das Grundgesetz schützt Eigentum. Artikel 14 erlaubt Enteignungen nur unter bestimmten Voraussetzungen und grundsätzlich gegen Entschädigung. Bei Vergesellschaftungen kommt zusätzlich Artikel 15 ins Spiel. Über die konkrete Höhe einer Entschädigung kann juristisch heftig gestritten werden.
Dass erhebliche finanzielle Größenordnungen im Raum stehen, zeigt Berlin. Bei der Debatte um „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ ging es um Hunderttausende Wohnungen. Eine amtliche Berliner Kostenschätzung bezifferte die Entschädigung für rund 243.000 Wohnungen auf 28,8 bis 36 Milliarden Euro. Hinzu kamen mögliche Erwerbsnebenkosten und weitere einmalige Aufwendungen.
Befürworter der Vergesellschaftung kommen auf deutlich niedrigere Werte und argumentieren, eine Finanzierung könne über zukünftige Mieteinnahmen erfolgen. Auch diese Position gehört zur vollständigen Darstellung. Doch selbst wenn eine Vergesellschaftung günstiger möglich wäre, bleibt die entscheidende Frage bestehen.
Wie viele neue Wohnungen wurden durch diese Eigentumsübertragung gebaut? Keine!
Milliarden für vorhandene Wohnungen oder Milliarden für neue Wohnungen?
Damit bekommt die Enteignung gegen Wohnungsnot eine weitere problematische Dimension. Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Wenn öffentliche Mittel, Finanzierungskapazitäten und politische Energie in die Übernahme bestehender Wohnungen fließen, stehen diese Ressourcen nicht gleichzeitig für andere Maßnahmen zur Verfügung.
Man stelle sich vor, welche wohnungspolitische Wirkung Milliardeninvestitionen in Baulandmobilisierung, kommunale Infrastruktur, schnellere Genehmigungsverfahren, sozialen Wohnungsbau und die Förderung neuer Wohnungen entfalten könnten. Genau darüber müsste Deutschland sprechen. Nicht darüber, wie vorhandene Wohnungen von einer Bilanz in eine andere verschoben werden.
Die DDR liefert ein historisches Warnsignal
Ein Blick in die DDR zeigt zudem, dass staatliche Dominanz im Wohnungswesen keineswegs automatisch zu dauerhaft guten Wohnverhältnissen führt. Unter Erich Honecker startete die DDR ein gewaltiges staatliches Wohnungsbauprogramm. Millionen Wohnungen wurden neu gebaut oder modernisiert. Ganze Neubaugebiete entstanden in industrieller Plattenbauweise.
1984 feierte die DDR Führung die zweimillionste seit 1971 neu gebaute oder modernisierte Wohnung. Das war zweifellos eine enorme Bauleistung. Doch sie hatte eine Kehrseite. Ein großer Teil der verfügbaren Baukapazitäten floss in die Neubauprogramme. Gleichzeitig fehlten Arbeitskräfte, Material und Geld für die Sanierung bestehender Gebäude.
Vor allem in historischen Innenstädten verfiel die Bausubstanz. Fassaden bröckelten. Dächer waren undicht. Gebäude wurden teilweise unbewohnbar. Sanierungen unterblieben. Die staatlich niedrig gehaltenen Mieten hatten ebenfalls eine Kehrseite. Die Einnahmen reichten vielfach nicht aus, um den tatsächlichen Aufwand für Instandhaltung und Modernisierung zu decken.
Das Versprechen der SED Führung, das Wohnungsproblem bis 1990 zu lösen, wurde nicht erfüllt.
Sozialismus schafft die Baukosten nicht ab
Die DDR Erfahrung zeigt ein fundamentales ökonomisches Prinzip. Eigentumsverhältnisse können politisch verändert werden. Kosten verschwinden dadurch nicht. Auch eine staatliche Wohnung benötigt ein Dach. Auch eine kommunale Wohnung braucht irgendwann neue Fenster.
Heizungen müssen erneuert werden. Fassaden müssen saniert werden. Handwerker wollen bezahlt werden. Baumaterial kostet Geld. Versicherungen kosten Geld. Verwaltung kostet Geld.
Die Enteignung gegen Wohnungsnot schafft diese Kosten nicht ab. Wenn der private Eigentümer verschwindet, übernimmt jemand anderes die Rechnung. Am Ende zahlt der Mieter, der Steuerzahler oder der Staat über neue Schulden.
Der Staat soll selbst bauen, wenn er es besser kann
Natürlich spricht nichts dagegen, wenn der Staat selbst Wohnungen baut. Im Gegenteil. Wenn Bund, Länder oder Kommunen überzeugt sind, Wohnungen günstiger, effizienter und sozialer errichten und bewirtschaften zu können als private Unternehmen, sollen sie genau das beweisen.
Sie können Grundstücke bereitstellen. Sie können kommunale Wohnungsbaugesellschaften stärken. Sie können sozialen Wohnungsbau finanzieren. Sie können Genehmigungsverfahren beschleunigen. Sie können Bauvorschriften vereinfachen. Und sie können selbst neue Wohnungen errichten.
Das wäre produktive Wohnungspolitik. Denn dann entsteht tatsächlich neuer Wohnraum. Die Enteignung gegen Wohnungsnot dagegen beginnt nicht mit einem Bagger, sondern mit einer Eigentumsübertragung.
Warum nicht private und öffentliche Investoren gleichzeitig?
Die deutsche Wohnungsnot ist inzwischen viel zu ernst für ideologische Grabenkämpfe. Deutschland braucht kommunale Wohnungsunternehmen. Deutschland braucht Genossenschaften. Deutschland braucht private Vermieter. Deutschland braucht große Wohnungsunternehmen. Deutschland braucht institutionelle Investoren. Deutschland braucht mittelständische Projektentwickler. Und Deutschland braucht private Bauherren.
Jeder, der zusätzlichen Wohnraum schafft, ist Teil der Lösung. Wer dagegen bestimmte Investorengruppen grundsätzlich zum politischen Gegner erklärt, reduziert potenziell die Zahl derjenigen, die bereit sind, Kapital in Wohnungsbau zu investieren. Die Enteignung gegen Wohnungsnot könnte deshalb nicht nur wirkungslos sein. Sie könnte kontraproduktiv werden.
Eigentum darf reguliert werden
Das bedeutet keineswegs, dass Eigentümer alles dürfen sollen. Mieter brauchen Schutz. Missbrauch muss verhindert werden. Der Staat darf Regeln für Mietverhältnisse festlegen. Sozialwohnungen müssen entstehen. Kommunen brauchen Instrumente gegen spekulativen Leerstand. Auch über die Marktmacht großer Immobilienkonzerne kann und muss diskutiert werden.
Aber Regulierung und Enteignung sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Eine funktionierende soziale Marktwirtschaft benötigt Regeln. Sie benötigt gleichzeitig Investitionssicherheit. Wer langfristige Milliardeninvestitionen in Wohnungsbau erwartet, muss dafür sorgen, dass Investoren die politischen Rahmenbedingungen einigermaßen verlässlich kalkulieren können.
Enteignung gegen Wohnungsnot beantwortet die falsche Frage
Am Ende reduziert sich die gesamte Diskussion auf zwei Fragen. Die Linke fragt: Wem gehören die Wohnungen?
Deutschland müsste stattdessen fragen: Warum haben wir nicht genügend Wohnungen? Genau deshalb geht die Enteignung gegen Wohnungsnot am Kern des Problems vorbei. Die Eigentumsfrage kann eine gesellschaftspolitische Debatte sein.
Die Wohnungsfrage ist dagegen eine Mengenfrage. Wenn 500.000 Wohnungen fehlen, müssen Wohnungen entstehen. Sie müssen geplant werden. Sie müssen genehmigt werden. Und irgendwann muss jemand tatsächlich auf einer Baustelle stehen und sie bauen.
Enteignung gegen Wohnungsnot ist keine Baupolitik
Deutschland braucht schnellere Genehmigungen. Es braucht mehr Bauland. Es braucht niedrigere Baukosten. Es braucht verlässliche Förderprogramme. Es braucht weniger Bürokratie und realistische Baustandards.
Vor allem braucht Deutschland Investoren. Private und öffentliche. Die Politik sollte deshalb um jeden seriösen Investor kämpfen, der bereit ist, in Deutschland Wohnungen zu bauen. Stattdessen über Enteignungen zu diskutieren, während gleichzeitig Hunderttausende Wohnungen fehlen, wirkt wie der Versuch, einen Wassermangel dadurch zu bekämpfen, dass man darüber streitet, wem die vorhandenen Brunnen gehören.
Die Linke darf selbstverständlich weiterhin von Enteignungen träumen. Auch politische Parteien haben ein Recht auf Dummheit. Aber dieses Recht verpflichtet die Gesellschaft nicht dazu, die Rechnung dafür zu bezahlen. Denn am Ende bleibt eine Erkenntnis, an der keine Ideologie vorbeikommt:
Enteignung schafft keine Wohnungen. Wohnungen entstehen nur, wenn jemand sie baut.
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